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Bericht von der BioEM2015

15.12.2015

Wie bereits im vergangenen Jahr an der BIOEM2014 hat Professor Dariusz Leszczynski in diesem Jahr mit Unterstützung der Stiftung Pandora und der Kompetenzinitiative auch an der BIOEM2015 teilgenommen. Leszczynski zählt heute zu den Forschern, die sich aufgrund ihrer wissenschaftlichen Arbeiten über molekularbiologische Wirkungen hochfrequenter elektromagnetischer Felder international hohes Ansehen erworben haben. Was ihn aber ganz besonderes auszeichnet, ist die Tatsache, dass er Ethik und Moral über sein berufliches Fortkommen gestellt hat. In seinem Bericht über die BIOEM2015 gibt Leszczynski Einblick in den gegenwärtigen Stand der Forschung. Er zeigt auf, dass ein zuverlässiges Urteil über mögliche gesundheitliche Risiken der Hochfrequenzstrahlung immer noch nicht möglich ist, nennt den Forschungsansatz, mit dem nach seiner Überzeugung entscheidende Fortschritte erzielt werden könnten und kritisiert die zahlreichen Irrwege, mit denen Erkenntnisgewinn lediglich vorgetäuscht wird.

Lesen Sie den ganzen Bericht als PDF >>> [646 KB]

1) Leszczynskis Themen

a) Unter Berufung auf die IARC-Einordnung der Hochfrequenzstrahlung als „möglicherweise krebserregend“ kommt Leszczynski zu dem Ergebnis, dass Maßnahmen im Rahmen des Vorsorgeprinzips, die darauf zielen, die menschliche Strahlenexposition zu reduzieren, durchaus gerechtfertigt wären. Er befürchtet jedoch, dass solche wünschenswerten Maßnahmen nicht umgesetzt werden, solange sie nicht verpflichtend sind.

b) Nach Leszczynskis Überzeugung sind alle bisherigen Studien zur Frage der Elektrosensibilität, die als Beleg gegen die Verursachung gesundheitlicher Störungen durch elektromagnetische Felder angeführt werden, bereits vom Ansatz her ungeeignet, dieser Schlussfolgerung gerecht zu werden. Als größtes Hindernis, das der Lösung des Problems im Wege steht, betrachtet er die Einstellung der Forscher, denen offensichtlich Ideen für neue Forschungsansätze abgehen.

c) Leszczynski zweifelt auch an der Aussagekraft von epidemiologischen und Humanstudien, bei denen die EMF-Exposition in Minuten/Tagen der Handynutzung angegeben wird. Wegen der sehr unterschiedlichen Strahlenbelastung bei gleicher Expositionsdauer wird bei diesem Ansatz das Gesundheitsrisiko der besonders stark Exponierten zwangsläufig – möglicherweise bis unter die Nachweisbarkeitsgrenze - vermindert.

d) Trotz Leszczynskis deutlicher Kritik an einer Reihe von Konferenzbeiträgen, der man sich schwerlich verschließen kann, kann die Teilnahme an den BioEM-Konferenzen durchaus gewinnbringend sein. Als Beispiel dafür verweist er auf den ausgezeichneten Beitrag zum Verständnis der EMF-Wirkungsmechanismen von Raymond Neutra unter dem Titel „Eine Typologie der physikalischen Induktionsmechanismen von EMF“.

2) Leszczynski deutet an, dass die BIOEM-Konferenzen ihrem Anspruch, für die in dem betreffenden Forschungsbereich tätigen Wissenschaftler das jährliche Hauptereignis zu sein, wohl nicht gerecht wird. Da er die Gründe dafür nicht nennt, möchte ich dies nachholen:

a) In seinem Beitrag Increasing Bias towards False Negative Replications? vom 18.01.2011 in Bioelectromagnetics klagt der ehemalige BEMS-Präsident Professor Niels Kuster über die wachsende Kultur der Parteilichkeit in der Wissenschaft (biased scientific culture) bei BEMS. Bei anderer Gelegenheit nennt er BEMS ganz offen die Gesellschaft der negativen Ergebnisse.

b) Dem REFLEX-Konsortium, dem Leszczynski und ich angehörten, blieb diese Erfahrung bei der Vorstellung der Ergebnisse des von der EU geförderten REFLEX-Projektes bei BEMS2003 auf Maui, Hawaii, nicht erspart. Die Sitzung, in der gezeigt wurde, dass ELF- und RF-EMF in isolierten menschlichen Zellen eine gentoxische Wirkung haben, was inzwischen mehrfach bestätigt wurde, endete unter dem Gelächter der Anwesenden im Chaos.

c) Solange Debatten mit dem Ziel, die Prinzipien der Wissenschaft gegen industriegefällige Vorstellungen zu verteidigen, vermieden werden, kann getrost darauf verzichtet werden. Diese Erkenntnis ergibt sich aus den Plenarsitzungen zu den Themen Vorsorgeprinzip und Elektrosensibilität bei der BIOEM2015. Da in der nachfolgenden Diskussion keinerlei Versuche unternommen wurden, die gegensätzlichen Meinungen auf ihre wissenschaftliche Wertigkeit hin zu überprüfen, verfehlten sie ihr Ziel.

d) Leszczynskis berechtigter Wunsch, dass die Autoren wichtiger epidemiologischer und tierexperimenteller Studien ihre Ergebnisse vor allem bei den BIOEM-Konferenzen zur Diskussion stellen, dies möglichst in Gegenwart der Vertreter von ICNIRP, WHO, BioInitiative, usw., wird wohl, so wünschenswert dies wäre, niemals in Erfüllung gehen. Von vorne herein steht nämlich fest, dass die gegensätzlichen Vorstellungen der Konferenzteilnehmer über Sinn und Zweck der Wissenschaft nicht überbrückt werden können.

3) Zum Schluss kritisiert Leszczynski, dass bei der BIOEM2015 zwar eine Vielzahl von bioelektromagnetischen Themen behandelt wurde, biologische Wirkungen von EMF direkt am Menschen aber nur sehr spärlich vertreten waren. Seiner Meinung nach ist es jedoch ohne Untersuchungen direkt am Menschen nahezu unmöglich, den Nachweis zu führen, dass EMF im menschlichen Organismus physiologische Veränderungen mit Relevanz zur Krankheitsentstehung induzieren. Auf der Grundlage seiner eigenen beruflichen Erfahrungen äußert er den Verdacht, dass Forschungsvorhaben dieser Art aus Angst vor den Konsequenzen von den Entscheidungsträgern in Politik und Industrie absichtlich verhindert werden. Dass dieser Verdacht keineswegs unbegründet ist, mag folgende schier unglaubliche Begebenheit verdeutlichen.

Nach Abschluss des von der EU-Kommission geförderten REFLEX-Projekts, das ich koordinierte, bereitete ich zusammen mit einem neuen Forschungskonsortium, dem auch Leszczynskis Arbeitsgruppe angehörte, ein REFLEX-Nachfolgeprojet vor. Mit dem Titel Potenzielle gesundheitliche Auswirkungen der Mobilfunkstrahlung bei Kindern und Heranwachsenden (Kurzname: MOPHORAD) entsprach es ziemlich genau den Vorstellungen von Leszczynski, deren Bearbeitung er bei BIOEM2015 so sehr vermisste. Am 25. Februar 2008 reichte ich den Forschungsantrag bei der EU-Kommission mit der Bitte um Förderung ein. Am 28.Mai 2008 wurde mir das Ergebnis der Begutachtung durch die EU-Kommission mitgeteilt. Mit der hervorragenden Bewertung von 12,5 von 15 möglichen Punkten war der Kommission zur Förderung vorgeschlagen worden. Es dauerte ein halbes Jahr, nämlich bis zum 9. Dezember 2008, als ich schließlich von der Kommission die Mitteilung erhielt, dass MOPHORAD nicht gefördert werden könne.

Was war in diesen 6 Monaten zwischen Auswertung und Entscheidung geschehen? Professor Alexander Lerchl von der privaten Jacobs University in Bremen, seit Jahren im Einsatz für die Interessen der Mobilfunkindustrie, hatte die Zeit genutzt, um bei MOPHORAD die Notbremse zu ziehen. Vier Jahre nach Abschluss der REFLEX-Studie erfand er die Geschichte, dass deren Ergebnisse – der Neuantrag an Brüssel beruhte auf ihnen – durch Fälschung entstanden seien. Diese Verleumdung reichte offensichtlich – übrigens durchaus nachvollziehbar – aus, um die Förderung von MOPHORAD durch die EU-Kommission zu verhindern. Lerchl wurde in Anerkennung seiner Verdienste durch die Bundesregierung wenig später in die deutsche Strahlenschutzkommission (SSK) berufen. Diesem beruflichen Aufstieg folgte allerdings sieben Jahre später der ebenso jähe Absturz. Im Frühjahr 2015 wurde er vom Landgericht Hamburg wegen Ehrverletzung in Zusammenhang mit der der REFLEX-Studie rechtskräftig verurteilt. Für seine weit üblere Tat, die Verhinderung der MOPHORAD-Studie, wird er wohl straffrei bleiben.

Hochfrequenzforschung im Würgegriff